+++Altersarmut in Deutschland, oder der generelle Umgang mit Älteren, Kranken und Schwachen+++

85 jährige stiehlt aus Hunger und muss ins Gefängnis!

Vorab an al...l die, die weiterhin steif und fest behaupten, .....“uns gehe es so gut wie nie zuvor“......,
wechselt einfach die Seite! Wenn ich diskutiere, möchte ich meine Energie nicht mit Leuten verschwenden, die nicht in der Lage sind, über den eigenen Tellerrand oder aus dem eigenen Dorf zu schauen.
Es macht auch wenig Sinn, Statistiken zu bemühen, weil viele Ältere aus einer Generation kommen, wie übrigens auch meine Stiefmutter, die niemals Sozialhilfe in Anspruch nehmen würden. Wenn auch zu Unrecht, Sie schämen sich.

Und wenn ich dann noch lese, dass unsere Justiz es schafft, solche Leute zu verurteilen und tatsächlich ins GEFÄNGNIS zu stecken, wird mir übel und ich schäme mich für dieses Land. Denn auch das kann man im Zusammenhang mit der Arbeit unserer Justiz sehen. Wieviel mögliche Totschläger, Vergewaltiger, Räuber usw. mussten 2018 in NRW noch mal vorzeitig aus der Haft entlassen werden, weil man aus Personalmangel nicht in der Lage war, rechtzeitig ein Strafverfahren einzuleiten? 65!!!!! Im dreistelligen Bereich wurden Verfahren gegen islamistische Gefährder beim GBA eingestellt....und hier schlägt Justizia in voller Härte zu??

Wer hier auf die Anklagebank und verurteilt gehört, ist eine Politik, die es zulässt, dass es in einem der reichsten Länder der Welt, Tafeln geben muss und alte Menschen tatsächlich in Armut leben.

Wir, die DEMOKRATISCHEN BÜRGER DEUTSCHLAND, kämpfen für mehr soziale Gerechtigkeit.

www.dbdpartei.de

Ralf Piekenbrock
Bundesvorsitzender DBD

Hier der Artikel:

Für ein bisschen Würde

Eine 85-Jährige aus Bayern steht immer wieder vor Gericht, weil sie im Supermarkt stiehlt – aus finanzieller Not, sagt sie. Kein
Geld für Essen, trotz Rente? Hunderttausende Rentner leben in Altersarmut – und schämen sich, staatliche Hilfe anzunehmen.

Von Julia Rathcke Auch im Rollstuhl bewahrt Ingrid Millgramm Haltung. Als sie in den Verhandlungssaal des Landgerichts Memmingen gebracht wird, trägt sie ein orangerotes Jackett mit Goldknöpfen, farblich passenden Lippenstift, das blondierte Haar ist frisch frisiert. Ingrid Millgramm ist wohl das, was man eine elegante ältere Dame nennt.

Sie steht an diesem Dienstag zum wiederholten Mal vor Gericht. Wegen Diebstahls. Die 85-Jährige aus Bad Wörishofen im Unterallgäu klaut in Supermärkten. Nicht, weil sie einem inneren Zwang folgt. Das bestätigt ein Gutachten – sondern, weil sie arm ist. Jedenfalls gibt sie das selbst an. Und wer in ihre Geschichte hineinschaut, hält es zumindest für möglich, dass die alte Dame gestohlen hat, weil sie einfach Hunger hatte.

Altersarmut in Deutschland hat viele Gesichter. Und wird allzu oft gut versteckt.

Ingrid Millgram saß schon einmal im Gefängnis. Wegen 84,65 Euro, zusammengekommen aus lauter kleinen Summen. Geld, das Millgramm nicht hatte, als sie etwa im Frühjahr 2013 ein Pfund Hackfleisch in ihrem Korb versteckte, das sie sich nicht leisten konnte. Oder als sie im Juni 2014 ein paar Tütensuppen und eine Flasche Rum mitgehen ließ. Später waren es eine Gesichtscreme und Mascara, die sie stahl.

Für die Summe ihrer Diebstähle im Gesamtwert von 84,65 Euro hat das Amtsgericht Memmingen die Rentnerin 2017 zu drei Monaten Haft verurteilt. Nach 55 Tagen wurde sie damals kurz vor Weihnachten vorzeitig entlassen.

Sie stahl wieder im Supermarkt, noch während der Bewährungszeit. Wieder wurde sie verurteilt, zu vier Monaten Haft ohne Bewährung. Ein Gnadengesuch beim bayerischen Justizministerium blieb erfolglos. Um jenes Urteil geht es nun am Landgericht.

Die Rente reicht nicht Eine Seniorin, deren Rente nicht für das Nötigste reicht; eine Rentnerin, die viele Jahre gearbeitet hat und ihren Lebensabend trotzdem nicht allein stemmen kann; Ingrid Millgramm steht für ein wachsendes Problem dieser Gesellschaft: das Altern in Armut. Und sie steht für das letzte Bedürfnis einer ganzen Generation: Altern in Würde.

Der 85-Jährigen sieht man ihr leeres Portemonnaie nicht an. Im Gegenteil, ihr Leben ist prall gefüllt mit Habseligkeiten, die von besseren Zeiten erzählen: die goldenen Ohrringe, die eleganten Tweedkostüme, die feinen Blusen. Auch die 70-Quadratmeter-Wohnung am Rand von Bad Wörishofen wahrt den Schein von der wohlhabenden Witwe. Aber Ingrid Millgramm lebt von einer Minirente, Grundsicherung und Wohnhilfe. Und hat nach allen Abzügen weniger als 100 Euro im Monat zur Verfügung.

Rund 550.000 Rentner in Deutschland beziehen laut Statistischem Bundesamt Grundsicherung, das sogenannte Hartz IV der Alten. 2003 waren es noch halb so viele. Die Zahl der Senioren, die ihre Rente mit Grundsicherung aufbessern, steigt seit Jahren. Die Zahl derjenigen, denen diese Sozialhilfe im Alter zustünde, ist noch besorgniserregender. Viele stellen erst gar keinen Antrag. Aus Scham, aus Stolz oder schlicht aus Unwissenheit.

Armutsforscher gehen davon aus, dass auf jeden Antragsteller bis zu zwei Rentner kommen, die keine Grundsicherung in Anspruch nehmen, obwohl sie dazu berechtigt wären. „Und gemessen an der offiziellen Armutsschwelle gibt es heute bereits 2,5 Millionen Menschen über 65 Jahre, die unter diese Grenze fallen“, sagt Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik an der Hochschule Koblenz. „Aber die große Welle kommt erst noch.“ Für die nächsten zehn bis 15 Jahre sagt Sell einen massiven Anstieg der Altersarmen voraus. Das betreffe vor allem Rentner in Ostdeutschland.

Gleichzeitig wächst die Zahl der wohlhabenden Rentner. „Die Polarisierung ist groß“, sagt Armutsforscher Sell. „Den Bedürftigen stehen immer mehr Senioren mit guten gesetzlichen Renten gegenüber, Menschen, die vorgesorgt haben, Vermögen gebildet haben, Eigentum besitzen und keine Mieten zahlen müssen.“ Diejenigen, die kein Eigentum haben, treffe es doppelt: „Die deutlich steigenden Wohn- und Mietkosten werden für Ältere zum Armutsrisiko Nummer eins.“

Armut im Alter, das trifft überdurchschnittlich viele Frauen. Frauen, die sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren an das gängige Ehemodell gehalten haben: der Mann voll berufstätig, die Frau für die Kinder zu Hause zuständig. Wiedereinstieg höchstens in Teilzeitarbeit, häufig im Niedriglohnsektor. Es trifft Frauen, die ein Leben weit entfernt von der Armutsgrenze führten, deren Haushaltseinkommen stets nach dem gut verdienenden Ehemann berechnet wurde. Frauen wie Ingrid Millgramm.

Millgramm, gelernte Maßschneiderin, geboren 1933 in Wuppertal, heiratet zweimal. Ihr erster Ehemann, Besitzer einiger Tabakläden und Zigarettenautomaten, stirbt an Leukämie und hinterlässt ihr 285.000 Mark Schulden, ein Insolvenzverfahren und jede Menge Ärger mit den beiden gemeinsamen Töchtern. Kontakt haben Mutter und Töchter nicht.

Gutes Leben in München Ihr zweiter Ehemann, ein Großhändler aus Bayern, ermöglicht ihr ein gutes Leben, ein Haus in München, teure Möbel, Reisen und schicke Autos. Doch vom Luxus bleibt nicht viel übrig. So erzählt es Ingrid Millgramm dem „Spiegel“ im Sommer 2018. Ihr Mann habe das in den USA angelegte Vermögen durch den Börsencrash nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verloren. Als er drei Monate später stirbt, ebenfalls an Krebs, hinterlässt er ihr 380 Mark Witwenrente im Monat. Ingrid Millgramm veräußert einiges, behält vieles, zieht zunächst in eine 150-Quadratmeter-Wohnung und halbiert ihren Wohnraum schließlich.

Wenn Seniorinnen ihre Männer und damit ihren Lebensstandard verlieren, ist Würde oft das, worin sie noch investieren. „Frauen bleiben häufig in ihren zu großen Wohnungen“, sagt Armutsforscher Sell, „dieser Lebensraum ist für sie existenziell.“ So erklären Experten auch den Teil armer Rentner, die auf ihre Grundsicherungsansprüche verzichten. Viele melden sich nicht beim Amt, weil sie fürchten, ihre Wohnung, ihr letzter Luxus, könnte ihnen dann weggenommen werden.

Auch Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband Deutschland bestätigt das Phänomen. „Das Nichtbeantragen von Hilfe hat viele Gründe. Zum einen ist da große Scham, am Ende seines oft erwerbstätigen Lebens als Verlierer zu gelten, als jemand, der auf den Staat angewiesen ist“, sagt Schneider. „Zum anderen spielt die Angst vor Ämtern eine Rolle, die schlichte Überforderung mit Bürokratie.“

Anja Mack, die Pflichtverteidigerin von Ingrid Millgramm, sagt über ihre Klientin: „Sie ist eine Frau, die arm ist, die krank ist, die alt ist. Die versucht, sich etwas Würde zu behalten.“ Aus schlechtem Gewissen führt die Seniorin Buch, über jeden einzelnen Artikel, den sie über die Jahre stahl. Um Kosmetik und Lebensmittel im Wert von 17,63 Euro ging es in der Verhandlung am Dienstag. Diese Dinge will die Rentnerin aber nicht gestohlen haben. „Ich kann nicht erklären, wie Sahnesteif und Haarklammern in meinen Wagen kamen. Ich nutze das nicht“, sagte sie zu Beginn der Sitzung. Mehrere Zeugen aber belasteten sie. Am Ende bestätigte das Gericht das Urteil aus erster Instanz: Millgramm muss für vier Monate in Haft, ohne Bewährung.

Ältere Arme stehlen nicht freiwillig, glaubt Ulrich Schneider. „Es ist zum Fremdschämen, was da passiert.“ Die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil geplante Grundrente gehe in eine gute Richtung. Doch sie soll nur für Menschen mit 35 Jahren unterbrochener Erwerbstätigkeit gelten. Wer hat das heute schon? Der Paritätische Gesamtverband fordert eine Grundrente ab 25 Beitragsjahren, plus zusätzliche Freibeträge. Das Thema soll auf dem Armutskongress am heutigen Mittwoch in Berlin mit Vertretern der Politik diskutiert werden.

Herr Brühl, spüren die Tafeln in Deutschland die Armut der Alten?

Die Gruppe der Senioren, die zu den Tafeln kommen, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Der demografische Wandel führt dazu, dass das Problem in Zukunft noch viel mehr Menschen betreffen wird. Viele erhalten so kleine Renten, dass sie davon kaum Miete, Heizung und Lebensmittel bezahlen können. Ausgaben für soziale Teilhabe werden zum Luxus. Aktuell sind 23 Prozent der Kundenhaushalte bei den Tafeln Haushalte mit Rente oder Grundsicherung im Alter.

Aber sie kommen nicht nur aus Hunger?

Armut bedeutet in Deutschland für viele Menschen auch soziale Isolation. Ein Kinobesuch oder Ausflug ist für sie seltene Freude, ein Urlaub purer Luxus. Armut im Alter ist besonders schlimm, weil Rentner keine Möglichkeit mehr haben, durch einen neuen Job der Armut zu entfliehen. Die Tafeln bieten nicht nur Lebensmittel an, sondern sind gleichzeitig Orte der Begegnung. In Tafeln finden Betroffene ein offenes Ohr, ein gutes Gespräch oder ein warmes Mittagessen.

Gibt es spezielle Angebote für Senioren?

Jede Tafel arbeitet unabhängig und legt ihre eigenen Regeln fest. Nicht in jeder Tafel gibt es spezielle Tage für die Ausgabe an Senioren, aber alle Tafeln gehen auf die Bedürfnisse älterer Menschen ein. Dort, wo es die personellen Ressourcen zulassen, werden Lieferdienste für Bedürftige, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, eingerichtet – besonders wichtig ist das in ländlichen Regionen, wo Wege ohnehin weiter sind. Auch in urbanen Gemeinden werden Angebote für ältere Menschen immer wichtiger. Neben Beratungen und barrierefreien Räumlichkeiten bieten die Tafeln eine Anlaufstelle für sozialen Kontakt, so etwa in den Seniorencafés oder Spieletreffs. Besonders in ländlichen Regionen, wo durch Abwanderung Begegnungsmöglichkeiten und Kulturangebote schließen, spielen Tafeln eine wichtige Rolle. Hier wirken sie gegen Vereinsamung.

Was muss sich ändern?

Die Politik muss von Armut bedrohten Menschen Perspektiven und Hilfen bieten, statt die Lasten auf Ehrenamtsorganisationen wie die Tafeln abzuwälzen. Wir brauchen Verbesserungen im Sozialstaat, um Ausgrenzungen entgegenzutreten. Politik wie Gesellschaft müssen endlich aufwachen. Es kann nicht sein, dass in einem reichen Land wie dem unseren Menschen auf Tafeln angewiesen sind.

„Soziale Teilhabe

ist Luxus“

Rentner in Deutschland beziehen Grundsicherung, das sogenannte Hartz IV der Alten.

550.000

84,65

Euro brachten Ingrid

Millgramm ins Gefängnis.

Fast die Hälfte der deutschen Rentner fühlt ihre Lebensleistung nicht gewürdigt.

In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung gaben vor allem Rentner aus dem Osten an, sich nicht respektiert zu fühlen.

Nur 25 Prozent der befragten Senioren dort meinten, dass ihre bisherige Leistung von der Gesellschaft anerkannt werde. Im Westen lag dieser Wert bei 36 Prozent.

Jeder zweite Rentner war zudem mit der Rentenpolitik der Bundesregierung nicht zufrieden.

Mit Blick auf die Diskussion über eine Grundrente sprachen sich die befragten Rentner mehrheitlich (65 Prozent) für die Einführung einer solchen Rente aus.

Die Ängste der Rentner

„Ich kann nicht erklären, wie Sahnesteif in meinen Wagen kam“: Ingrid Millgramm ist am Dienstag zu vier Monaten Haft verurteilt worden. dpaJochen Brühl ist Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafeln.
Jochen Brühl ist Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafeln.
Jochen Brühl ist Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafeln.

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